Top Header Top Header
Sie befinden sich auf: Home »Geburt » Erst das Baby, dann die Tränen
Babyguide Content Header

Erst das Baby, dann die Tränen

Werdende Mütter sind meist von einem Gedanken beseelt: ich freue mich so auf mein Baby! Keine Sekunde denken sie daran, dass die Zeit nach der Geburt alles andere als voller Liebe und Glück verlaufen kann. Nämlich dann, wenn die frisch gebackene Mutter von einer Wochenbettdepression heimgesucht wird. Eine solche Phase unendlicher Traurigkeit und Hilflosigkeit kann, jeder Frau passieren. Bettina Salis

Warum, und vor allem wie man sich dagegen wappnen kann erfuhr Baby Guide im Gespräch mit der erfahrenen Hebamme und Autorin Bettina Salis.

Eine Wochenbettdepression wird auch postpartale Depression genannt, weil sie auch jenseits der ersten acht Wochen nach der Geburt (Wochenbett) auftreten kann oder sogar innerhalb des ersten Lebensjahres des Babys. Eine Wochenbettdepression kann jede Frau nach der Geburt eines Kindes treffen. Experten gehen aber davon aus, dass mehrere Faktoren für ihre Entstehung verantwortlich sind. Das kann eine genetische Disposition sein, wobei Frauen mit Depressionen in der Vorgeschichte oder Depressionen in der Familie ein höheres Risiko zur Erkrankung haben. Untersuchungen haben gezeigt, dass allein Erziehende und Frauen aus sozial schwachen Familien sowie Frauen, die wenig Unterstützung durch ihr Umfeld erfahren, häufiger erkranken. Auch eine traumatisch erlebte Geburt kann den Boden für eine postpartale Depression bilden.

Überfordert in der neuen Rolle als Mutter

Die betroffenen Frauen plagen nicht nur Ängste, sondern eine Reihe unerwünschter Gefühle, wie zum Beispiel Überforderung, Unglücklich-Sein trotz Wunschkind (und damit verbunden Schuld und Scham, weil sie sich doch jetzt freuen sollten, es aber nicht können).

Das hat schnell zur Folge, dass sie sich zurückziehen und isolieren, was die Probleme noch verschärft. So entsteht ein Teufelskreis von zunehmender Isolation, wachsendem Unglücklich-Sein und wachsender Scham. Das kann schließlich in Panik oder Angstattacken, Schweißausbrüchen oder Herzrasen gipfeln. Bei schweren Depressionen kann es auch zu Kindsmordgedanken kommen. Diese Frauen stellen sich vor, wie es wäre, einfach den Kinderwagen eine Brücke herunter zu schubsen oder sich auf anderem Weg des Kindes zu entledigen – in ihrer Vorstellung ist dann alles wieder so wie früher in dem Glauben, wieder glücklich sein zu können.

Einige Betroffene tragen sich auch mit Selbstmordgedanken: Wenn sie nicht mehr sind, dann können sie den Weg freimachen zu einem glücklichen Leben für den Partner und das Kind. Das alles mag für den gesunden Menschen irrational klingen, doch Betroffene sehen darin oft den einzigen Ausweg aus ihrer Misere. Nun ist es noch ein großer Schritt vom Gedanken zur Tat; aber natürlich sind auch diese Gedanken sehr quälend.

Wer hat den Babyblues?

Der Babyblues – damit meint man eine gewisse Erschöpfung und Traurigkeit nach überstandener Traurige MamaGeburt – ist nicht, wie oft angenommen, eine mildere Form der Wochenbettdepression, sondern ein eigenständiges Erscheinungsbild. An ihm leiden zwischen 40 und 80 Prozent der Wöchnerinnen (es gibt verschiedenste Studien die diese unterschiedlichen Zahlen nennen). Der Babyblues vergeht nach 10 Tagen. Wenn er nicht weggeht und das Gefühl der Niedergeschlagenheit anhält oder gar schlimmer wird, dann ist möglicherweise aus dem Blues eine Depression geworden. Depressionen entstehen eher später, zum Babyblues kommt es in jedem Fall in den ersten ein bis zwei Wochen. Leidet eine Frau acht Wochen nach der Geburt unter depressiven Verstimmungen, dann handelt es sich nicht um einen Babyblues, sondern möglicherweise um eine leichte Depression – oder auch einfach um eine Woche, in der es ihr mal nicht gut geht.

Hilfe & Unterstützung vs. Traurigkeit & Ohnmacht

Eine Frau kann sich nicht sicher vor einer Depression schützen. Aber schon rechtzeitig für ein soziales Netz und Entlastung der Mutter für die Zeit nach der Schwangerschaft zu sorgen, kann auf alle Fälle vorbeugend wirken. Auch zu ambivalenten Gefühlen zu stehen (auch und gerade bei Wunschkindern), kann schützen.

Ganz wichtig: Das Wissen um die Krankheit an sich kann auch schon vor (zumindest schlimmen Verläufen) schützen, weil diese Frauen eher Hilfe in Anspruch nehmen. Es ist auch hilfreich, sich schon in der Schwangerschaft mit der Mutterrolle auseinander zu setzen und die „Heile-Welt-Bilder“, die im Zusammenhang mit glücklichen Müttern und friedlichen Babys durch die Köpfe der Menschen flirren, kritisch zu hinterfragen.

Der Partner, andere Angehörige und auch Freundinnen und Freunde können die junge Mutter entlasten, praktisch und konkret: Im Haushalt, mit dem Baby etc. Auch ein offenes, verständnisvolles Ohr ist schon eine große Unterstützung. Wenn die junge Mutter über Unglück spricht (und es wäre wunderbar und schon der halbe Weg zur Besserung, wenn sie es täte), dann sollten Angehörige und Freunde diese Gefühle nicht abwehrend bagatellisieren oder gar empört sein, wie „Du hast das doch gewollt, das kann ja nicht so viel sein, mit einem Baby, das bekommen Millionen andere Frauen auch hin“, sondern sollten die Gefühle ernst nehmen, Verständnis zeigen z.B.:„Ich kann mir vorstellen, dass das eine ganz gewaltige Umstellung ist für dich jetzt mit dem Baby. Da ist es ganz normal, auch mal traurig und verzweifelt zu sein. Kann ich dich irgendwie entlasten oder dir etwas abnehmen?“ Wenn Freunde oder Angehörige partout kein Verständnis haben, dann sollte die Betroffene mit der Hebamme oder einem Arzt über ihre Gefühle sprechen.

Ein Weg aus der Sackgasse

Ist die Frau in diese depressive Situation geraten, gibt es viele Möglichkeiten, heraus zu kommen. Das oberste Gebot dabei ist: betroffene Frauen müssen zuallererst an sich selbst denken (sich selbst eine gute Mutter sein), sich jemandem zum Reden suchen (Partner, Freundin, Hebamme), dann für Entlastung mit dem Baby sorgen, es vielleicht stundenweise abgeben. Der nächste Schritt wäre, sich in professionelle Hände in Formeiner Psychotherapie zu begeben oder zumindest eine psychosoziale Beratungsstelle aufzusuchen. Auch der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe kann helfen – dort werden oft auch Expertinnen und Experten weiter vermittelt. Bei akuter Selbstmordgefahr hilft nur noch der Weg in die Klinik.

Kraft und Halt durch Hebammenbegleitung

Die Hebamme kann während der Schwangerschaft bereits über die Krankheit informieren und nach Risikofaktoren fahnden. Sie kann während der Geburt darauf achten, die Frau nicht zu entmündigen und ihr eine selbst bestimmte Geburt ermöglicht – denn Untersuchungen haben gezeigt, dass Gefühle der Ohnmacht unter einer Geburt auch eine postpartale Depression begünstigen können. Nach der Geburt kann sie dafür sorgen, dass die Wöchnerin entlastet wird, gut zu sich selbst ist und ihr außerdem Gespräche anbieten. Viele Betroffene sagen, allein die Möglichkeit über diese Krise zu sprechen sei schon der erste große Schritt zu Genesung.

Die Wochenbettdepression – ein Phänomen unserer Zeit?

Es macht den Eindruck, als käme es in jüngster Zeit gehäuft zu postpartalen Depressionen. Ob das wirklich so ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, weil es an Vergleichszahlen aus früheren Zeiten mangelt. So kann ein Grund für die scheinbar gestiegenen Zahlen auch sein, dass die Aufmerksamkeit der Ärzte, Hebammen und aller Beteiligten gestiegen ist, und damit selbstverständlich die Berichterstattung. Es ist aber sehr gut vorstellbar, dass moderne Mütter durch die Überfülle an Informationen darüber, was dem Baby schadet und was ihm gut tut, womit man es fördert etc., sowie durch den hohen Erwartungsdruck seitens der Gesellschaft und nicht zuletzt durch die Erwartungen an sich selbst zutiefst verunsichert sind; das kann zu Selbstzweifeln und zu mangelndem Selbstbewusstsein führen - was eine Depression begünstigen kann.

Es gibt zu viele Bilder von strahlenden Müttern wohin man auch schaut – der Leistungsdruck ist enorm und die Wahrscheinlichkeit, dem Ideal nicht nahe zu kommen sehr hoch. Das Tabu, über dieses vermeintliche Versagen zu sprechen ist damit noch größer geworden. Ich würde mir wünschen, dass Mutter-Sein wieder etwas bodenständiges und normales wird, und dass zum „gute-Mutter-Sein“ nicht gehört, sich bis zur Selbstaufgabe aufopferungsvoll dem Baby zu widmen. Viel eher sollte es in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert haben, wenn Mütter sich selbst eine gute Mutter sind und sich hin und wieder bemuttern ließen.

Buchtipps

Buchtipp Salis 1Für Eltern:

Aus der Hebammenpraxis, Mein Baby im ersten Jahr:

Antworten auf alle wichtigen Fragen

Buchtipp Salis 2



Für Hebammen:

Psychische Störungen im Wochenbett:

Möglichkeiten der Hebammenkunst

 
powered by shopping.at