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Logopädie

Hilfe für Kinder, die nicht sprechen wollen

Kinder, die einfach nicht anfangen zu sprechen, bereiten ihren Eltern große Sorgen. Doch oft ist es nicht die SpracheLogopädie ,Bub allein, andere Auffälligkeiten kommen hinzu: das Kind kann nicht gut spielen, ist ängstlich, schüchtern oder auch allzu draufgängerisch.

Sprachliche, Verhaltens- und Leistungsauffälligkeiten sind meist Ausdruck eines mehrdimensionalen Problems. In einer frühen Sprachtherapie geht es also nicht darum Wörter und Sätze zu trainieren und zu korrigieren. Das Ziel besteht vielmehr darin, das Interesse des Kindes für seine Gegenstands- und Personenwelt zu wecken. Nur so kann das Kind auch das, was ihm seine Bezugspersonen anbieten und zeigen, aufnehmen und verarbeiten. Dann wird sich das Kind aktiver mit seiner Umwelt auseinandersetzen und die Möglichkeit erlangen, seine Schwierigkeiten zu kompensieren.

Eltern Magazin sprach mit Frau Elke Rogy, diplomierte Logopädin, mit eigener logopädischer Praxis über die kindliche Sprachentwicklung.

Welche Entwicklungsschritte sind wichtig und warum?
Beim Spielen macht das Kind viele wichtige Erfahrungen mit verschiedenen Gegenständen, es „be- greift“ seine Welt und beginnt Vorstellungen davon aufzubauen. Nun ist es aber auch wichtig ein Bild von sich selbst zu entwickeln. Im ersten Lebensjahr erlebt das Kind die Mutter so, als würde sie im gleichen Moment dasselbe denken und fühlen. Diese Beziehung ändert sich, wenn das Kind die ersten Schritte macht und Nähe und Distanz zur Mutter und zu anderen Bezugspersonen mitbestimmen kann. Das Wort „Nein“ erlangt große Bedeutung, und übt starke Faszination aus, sodass die Kinder die Wirkung des Wortes bald selbst ausprobieren: Trotzphase! Diese Auseinandersetzungen sind mühsam für Eltern und Kind, jedoch für die sprachliche und emotionale Entwicklung von größter Bedeutung. Wichtig in dieser Zeit ist die Entdeckung, dass der Andere eigene Gedanken und Gefühle hat, die nicht immer mit den eigenen übereinstimmen. Diese Erkenntnis ermöglicht es dem Kind ein Bild von sich selbst zu entwickeln, sich im Spiegel zu erkennen, sich selbst beim Namen zu nennen und später auch „ich“ zu sagen. Sobald sich das zweijährige Kind als eigenständige Person erlebt, wird es jetzt auch die Sprache benutzen, um eigene Gefühle und Gedanken mitzuteilen.

Wie denken und fühlen kleine Kinder?
Im Alter zwischen drei und fünf Jahren beginnen kleine Kinder sich Gedanken über die Welt und über sich selbst zu Logopädie, Mädchen
machen. Diese Auseinandersetzung mit der Welt, aber vor allem mit sich selbst lässt das Bewusstsein für den eigenen Körper (Körperwahrnehmung) wachsen. Sie beginnen sich zunehmend mit andern zu vergleichen (Geschwistern) und reagieren auf eigene Schwierigkeiten. Diese Gefühle machen Angst, führen zu unsicherem Verhalten und machen Kinder zu sehr empfindsamen Wesen. Häufig können Kinder die Grenzen zwischen Fantasie und Realität nicht klar ziehen und die verschiedensten Ängste können auftauchen. Wichtig ist es, dem Kind in solch bewegten Lebensphasen Sicherheit zu geben, Ängste ernst zu nehmen und auftauchende Fragen versuchen zu beantworten.

Wie kommt Sprache zustande?
Für die Entdeckung der Sprache braucht es zwei wichtige Voraussetzungen; erstens die Möglichkeit, sich etwas nicht Vorhandenes vorzustellen, und zweitens die Lust, dem Du etwas zu erzählen, im Wissen, dass diese andere Person nicht automatisch das gleiche denkt wie ich. Das Kind nimmt einen Gegenstand und schaut erwartungsvoll zu mir, als ob es fragen wollte „Was meinst du dazu?“. Dieser Blick zeigt, dass es sein Erlebnis mit dem Gegenstand (mit-)teilen möchte und lernt so, dass bestimmte Wörter für bestimmte Dinge und Handlungen stehen: es entwickelt ein erstes Sprachverständnis, dass noch ganz an die momentane Situation gebunden ist. Zwischen 12 und 18 Monaten beginnt das Kind die ersten Wörter zu produzieren (etwa 10 - 20 Wörter). Gegen Ende des zweiten Lebensjahres kann das Kind erste Vorstellungen aufbauen, das heißt es kann an einen Apfel denken, wenn es das Wort hört (und nicht sieht), und es kann ein bestimmtes Wort sagen, um sich mitzuteilen. Das Verstehen und Sprechen ist nicht mehr an die momentane Situation gebunden. Das Kind begreift, dass es mit seinen Wörtern etwas bewirken kann und beim Gegenüber etwas auslöst. Dies ist die eigentliche Entdeckung der Sprache. Jetzt möchte es natürlich mehr wissen über die Sprache und beginnt zu fragen („Was?“ „Wo?“). Es kommt in Folge zu einer richtigen „Sprachexplosion“, der Wortschatz nimmt stark zu und das Kind beginnt erste Sätze zu bilden.

Wie verläuft die normale kindliche Sprachentwicklung?
Kinder erwerben im Rahmen des normalen Spracherwerbs bis zum vierten Lebensjahr die wichtigsten Meilensteine und Regeln. Ab dem 9. Lebensmonat entwickelt sich das Sprachverständnis, Kinder beginnen Äußerungen nachzuahmen und kommunizieren über Mimik und einfache Gesten (winke- winke, etc.) Ab dem ersten Lebensjahr produziert dasLogopädie, Bub mit Fläschchen
Kind willentlich erste Wörter, Einwortsätze ab ca. 1- 1,5 Jahren. Ab 18 Monaten werden einzelne Wörter aneinandergereiht („Mama Ball“, „Papa Arbeit“), zwischen 18 und 24 Monaten beginnt das erste Fragealter („Brot haben?“) und das Kind produziert ungeformte Mehrwortsätze. Ab 3 Jahren formt das Kind grammatikalisch richtige Mehrwortsätze, und ab 3,5 Jahren werden auch komplexe Nebensätze gebildet. Ab dem 4. Lebensjahr tritt das Kind ins zweite Fragealter (Warum?) ein, erweitert grammatikalische Formen und Wortschatz - mit 4 Jahren sollte das Kind eigentlich Sätze bilden können wie ein Erwachsener. Bis auf die Laute Sch und R sollte es alle Laute richtig aussprechen können.

Was können Eltern tun, um ihr Kind (sprachlich) zu fördern?
Eine der wesentlichen Möglichkeiten Kinder sprachlich zu fördern, ist mit Interesse zuzuhören, was sie zu sagen haben. Darüber mit dem Kind sprechen, was es umgibt und was es erlebt und wo es mit Interesse dabei ist. Die Auswahl der Bilderbücher nach den Interessen und Erlebnissen des Kindes richten. Die Fehler des Kindes nicht korrigieren, sondern seine Äußerungen verstärken, indem man das Gesagte richtig wiederholt (korrigiertes Feed- Back). Kinder nicht zum Nachsprechen auffordern, sondern helfen, die Bedeutung der Sprache zu entdecken, z. Bsp. Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Dem Kind Zeit geben sich sprachlich auszudrücken, so wenig wie möglich unterbrechen. Mit Hilfe von kleinen Sprechspielen, Reimen, Versen und Geschichten weckt man die Sprechfreude des Kindes und fördert es spielerisch.

Woran erkennt man verzögerte Sprachentwicklung und welche Schwierigkeiten beim „Sprechenlernen“ können noch auftreten?
Kinder, die nicht wie erwartet zwischen zwei und zweieinhalb Jahren zu sprechen beginnen, bereiten ihren Eltern große Sorgen. Ihre Sorge betrifft nur selten den verspäteten Sprechbeginn allein. Trotzdem ist es heute noch oft so, dass sie von Fachleuten beruhigt und vertröstet werden. In gewissem Sinne ist die Äusserung "es kommt schon noch" auch nicht falsch. Denn im Alter zwischen drei und dreieinhalb Jahren beginnen fast alle Kinder zu sprechen. Ab diesem Alter hat das Kind die Fähigkeit, Sprache direkt zu kopieren. Satzteile der Erwachsenensprache, welche im Alltag häufig geäußert werden, speichert das Kind und gibt es in den entsprechenden Situationen wieder (zum Beispiel: „das da“, „haben wir noch“, „das is“ etc.). Dieses Sprechen bleibt ganz an die momentane Situation gebunden, ist also mehr ein Kommentar als eine echte Mitteilung. Oft versuchen die Kinder im Alter zwischen 4 und 5 Jahren ihre Schwierigkeiten im motorischen Bereich, Wahrnehmungsbereich etc. durch viel Sprechen zu kompensieren. Sie finden rasch Strategien, wie sie auch die Sprachverständnisprobleme überdecken (stellen ununterbrochen Fragen, ohne eine Antwort hören zu wollen, stellen den Zuhörer mit vielen JA- Antworten zufrieden). Häufig zeigen diese Kinder im Alter von 4-5 Jahren eine Sprachentwicklungsverzögerung, die im Zusammenhang mit dem verspäteten Sprechbeginn steht. Sie können ihre sprachlichen Fähigkeiten nicht aktiv erweitern, innerhalb der Sätze lassen sie viele Wörter aus oder haben Schwierigkeiten mit dem Satzbau (Dysgrammatismus); sie können viele Laute nicht korrekt artikulieren, oder lassen sie innerhalb der Wörter weg (Dyslalie) und ihr Wortschatz ist häufig eingeschränkt. Später interessierenLogopädie, Schulbub
sich einige Kinder lange Zeit nicht für die Welt der Buchstaben oder schreiben und lesen in fehlerhafter Weise (Legasthenie). Manchmal sind auch Verhaltensschwierigkeiten zu beobachten. Sie tun sich schwer im Kontakt mit anderen Kindern, sie können sich schlecht konzentrieren und scheinen überaktiv oder passiv, verträumt. Diesen Zusammenhang zwischen einem verspäteten Sprechbeginn, Schwierigkeiten im Spracherwerb, späteren Problemen im Schriftspracherwerb und möglichen Verhaltensauffälligkeiten gilt es aufzuklären. Dabei muss man grundsätzlich zwei Vorgänge in der Sprachentwicklung unterscheiden: Sprache und Sprechen. Entdeckt ein 15 Monate altes Kind einen Ball und sagt „Ball“, so kann es zwar das Wort aussprechen - mit Sprache hat es aber wenig zu tun. Sprache d.h. der Spracherwerb ermöglicht dem Kind von einem Ball zu sprechen, wenn er nicht da ist. Das Wissen ich kann dem Anderen - der Mama - vom Ball erzählen, und sie „versteht“.

Bei welchen Problemen in Zusammenhang mit Spracherwerb wird Logopädie eingesetzt?
Das Problem vieler Kinder ist das mangelnde Interesse an den angebotenen Spielen und Wörtern ihrer Umwelt. Den Eltern gelingt es demnach nur schwer, das Kind in seiner Entwicklung zu „be- gleiten“, wenn bedeutungsvolle Handlungen und Gespräche nicht „ankommen“. Daraus resultierende Verzögerungen bzw. Probleme im Spracherwerb stehen meist im Zusammenhang mit kleineren oder größeren Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung, in der (akustischen) Wahrnehmungsverarbeitung und der psycho- emotionalen Entwicklung. Die Verknüpfung verschiedener Entwicklungsschwierigkeiten macht es dem Kind unmöglich die Sprache zu entdecken, es beginnt nicht zu fragen, äußert nur wenige einzelne Wörter, hat Probleme im Sprachverständnis. Beim Spielen muss sich das Kind häufig vermehrt auf die Handlung konzentrieren, um die oben genannten Schwierigkeiten
zu kompensieren. Oder es manipuliert Gegenstände nur sehr oberflächlich, ist demnach rasch frustriert und wandert von einem Spielzeug zum nächsten. In beiden Fällen fällt es dem Kind schwer Bau- oder
Symbolspiele zu entwickeln und sein Handeln hat wenig Bedeutung. Die Kinder wirken unzufrieden, unkonzentriert, werden hyperaktiv und oft auch aggressiv - andere ziehen sich zurück, spielen immer wieder dieselben Spiele (Autoschlangen bauen, Puzzle bauen etc.) und interessieren sich wenig für Neues. Die meisten Kinder zeigen auch wenig Interesse sich mit der Erwachsenenwelt, das heißt der Personenwelt auseinanderzusetzen. Loslösungsprobleme bedingen beispielsweise oft eine fehlende Trotzphase, die Anwesenheit der Mutter muss auch noch im Alter von drei, vier Jahren immer kontrolliert werden und die Kinder trauen sich selbst nur wenig zu und resignieren sofort wenn sie auf Schwierigkeiten stoßen. Gleichzeitig fehlt den Kindern durch die Verzögerung des Loslösungsprozesses auch die Notwendigkeit eigene Absichten und Gefühle sprachlich mitzuteilen, da die meisten Mütter ihre Kinder auch ohne Sprache gut verstehen.

Wie verläuft eine logopädische Behandlung? Was passiert in einer frühen Sprachtherapie?
In einem ersten Schritt (Diagnostik) untersuche ich die für den Spracherwerb wichtigen Entwicklungsbereiche und erstelle ein Entwicklungsprofil. In der Therapiesituation sowie in der Untersuchungssituation hat das Medium Spiel eine zentrale Bedeutung. Ich beobachte das Kind im Umgang mit Material und Spielgegenständen (Auseinandersetzung mit der Gegenstandswelt), erfasse seine sozial-kommunikativen Fähigkeiten (Umgang mit der Personenwelt), verfolge seine symbolische Spielentwicklung und kläre die sprachlich- expressiven Fähigkeiten sowie das Sprachverständnis ab. Dieser ganzheitliche Blick ermöglicht herauszufinden, wo die speziellen Probleme des Kindes liegen und was die Gründe für die blockierte Sprachentwicklung sein könnten. In einem zweiten Schritt versuche ich gemeinsam mit den Eltern die Zusammenhänge des verzögerten Sprechbeginns bzw. der sprachlichen Auffälligkeiten mit den Auffälligkeiten im Spiel sowie im sozialkommunikativen Verhalten aufzuzeigen.

Was ist das Ziel einer logopädischen Behandlung?
Es geht darum dem Kind Wege und Möglichkeiten zu zeigen, welche ihm erlauben, die Welt selbständig- trotz möglicher Einschränkungen oder Schwierigkeiten zu entdecken und sich anzueignen. Gelingt dies, wird es sich beim Ausführen dieser Tätigkeit selbst fördern. Das Ziel einer Therapie ist dann erreicht, wenn das Kind nicht (mehr) gefördert werden muss, weil es eigene Wege zur Entdeckung der Welt und der Sprache entwickeln kann und wenn nötig Andere um Hilfe und Unterstützung bitten kann. Selbstbestimmendes, entdeckendes Lernen ist natürlich nur dann möglich, wenn das Kind Bezugspersonen hat, welche ihm Sicherheit, Geborgenheit und Unterstützung geben können, welche auf seine Bedürfnisse und Absichten eingehen und den Wunsch haben ihm die Welt zu zeigen.

Literaturhinweise:

Literaturhinweis

Die Entdeckung der Sprache,
Barbara Zollinger,
Haupt Verlag

Literaturtipp

Wenn Kinder die Sprache nicht entdecken,
Barbara Zollinger (Hrsg.),
Haupt Verlag

Kinder im Vorschulalter, B. Zollinger (Hrsg.)

Babyjahre, Remo H. Largo, Piper Verlag

„Zehn kleine Fingerchen…“ von Cornelia Nitsch

„Der neue Daumen Knuddeldick“, Waltraud Singer, Erika Schirmer, Otto Maier Verlag

„Komm, erzähl mir was“, Agnes Niegl

Kontaktadresse:
Elke Rogy, diplomierte Logopädin
Praxis für logopädische Beratung,
Diagnostik und Therapie
Hütteldorferstrasse 113/27 (Lift 3. Stock),
1140 Wien
Erreichbarkeit: U3 Station Hütteldorferstrasse,
49er, 10er, Bus 10A und 12A
Termine nach telefonischer Vereinbarung
unter 0699/ 199 062 19
oder per E- Mail unter logo.rogy@gmx.at

 
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