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Schmerz ist ein zentraler Aspekt, einschneidend und gefürchtet
bei der physiologischen Geburt. Nach Werten und Interpretation
unserer Wohlstandsgesellschaft ist er überflüssig und
sinnlos. Zusammen mit der Überflüssigkeit des
Geburtsschmerzes ist das Gebären selbst überflüssig
geworden, der Kaiserschnitt nimmt überhand — er
erscheint als eine saubere, schmerzlose, mühelose Geburt. Eine
schwangere Frau heutzutage muss den Schmerz wählen, wenn sie
eine physiologische Geburt haben will und das ist natürlich
sehr schwierig, sich dafür bewusst zu entscheiden und ihn
aktiv anzunehmen.
Eine spezifische Funktion in der physiologischen Schmerzbearbeitung
regelt den Körper aufgrund der starken Motivierung: die stark
motivierende Dimension des Geburtsschmerzes. Sie ist mit allen
Systemen des Gehirns verbunden, regt die sensorialen und
motorischen Bahnen an und reagiert mit Spannung oder Entspannung,
je nach Gefühlsreaktion auf den Schmerz (Akzeptanz, Lust,
Angst, Verweigerung). Sie kann somit den Schmerz erhöhen oder
vermindern. Diese physiologische Dimension kann positiv beeinflusst
werden durch ein hilfreiches, motivierendes Umfeld, liebevolle
Unterstützung und Begleitung und vor allem durch ausreichende
Information über den Sinn des Geburtsschmerzes, die
motiviert.
Denn der Schmerz in der Geburt hat nicht zur einen Sinn, sondern
unterstützt den Geburtsvorgang, schützt Frau und Kind vor
Schaden und führt sie sicher durch die Geburt.
Wir können grundsätzlich vier verschiedene Ebenen
benennen, auf welchen der Geburtsschmerz eine Funktion ausübt:
die körperliche Ebene, die psychische Ebene, die energetische
Ebene und die Beziehungsebene.
Die körperlichen Funktionen des Geburtsschmerzes
Der Schmerz als Führer durch die Geburt, als Beschützer
von Mutter und Kind
Die physiologische Funktion des Schmerzes ist es, den Körper
vor Schäden zu bewahren. Schmerz macht aktiv! Da die Geburt
ein physiologischer Vorgang ist, scheint der Schmerz paradox: damit
die Frau einem anderen Menschen das Leben schenken kann, muss sie
gegen ihren eigenen Körper gehen. Die Geburt verkörpert
in gewissem Sinn einen Kampf zwischen Selbsterhaltung und Hingabe.
Der Prozess der Öffnung der Eingeweide, der starke Druck auf
die Gelenke und Nerven im Kreuzbeinbereich ist ja tatsächlich
nicht gefahrlos für Mutter und Kind — somit ist der
Schmerz ein wertvoller Führer, in dem er auf die Gefahren
hinweist und der Frau die Möglichkeit gibt, durch die Bewegung
passend zu reagieren. Passend ist, den Schmerz anzunehmen, sich zu
öffnen und schließlich das Kind gehen zu lassen. Das
Zurückziehen und Verschließen hält das Kind
zurück und macht den Geburtsfortschritt
unmöglich.
Die psychischen Funktionen des Geburtsschmerzes
Der Schmerz als Ausdruck der Trennung
Eines der stärksten Gefühle während der Geburt ist
die Notwendigkeit, sich vom Kind zu trennen. Die Trennung ist
gleichzeitig ersehnt und gefürchtet, belastet auch vom Aspekt
des Unbekannten. Der Schmerz macht klar, dass die Geburt
unvermeidlich und notwendig ist. Gleichzeitig ist der Schmerz
selbst Ausdruck des durch die Trennung verursachten emotionalen
Leides. Der Schmerz bestimmt die Zeit — und die Zeit ist bei
Trennungsprozessen wichtig und unterschiedlich. Die Produktion der
Endorphine erleichtert der Frau die völlige Aufgabe des
eigenen ICHs und der eigenen Grenzen. Somit auch die Trennung von
ihrem Kind und es mit Freuden anzunehmen.
Der Schmerz als Element des persönlichen
Umwandlungsprozesses
Sich dem Schmerz zu stellen, macht Angst und Beklemmung — ihm
über viele Stunden lang ausgesetzt zu sein, stellt die
persönliche Stärke auf die Probe. Er mobilisiert alle
emotionalen Fähigkeiten der Frau, entfacht alte Schmerzherde
der persönlichen Lebensgeschichte, die im Unterbewusstsein
gespeichert waren und bietet allerdings damit die einmalige
Möglichkeit, alte Schmerzen abzuladen.
Der Geburtsschmerz bringt die Frau an ihre äußersten
Grenzen, bis sie das Gefühl hat, am Ende ihrer Kräfte zu
sein — dies bedeutet komplette Hingabe. Die Hingabe ist
gleichbedeutend mit dem Überschreiten der eigenen Grenzen, sie
bringt den Geburtsfortschritt, regt neue Ressourcen und steigert
damit die persönliche Kraft der Frau. So wird sie Mutter und
verändert ihre soziale und persönliche Stellung. Dieses
Wachsen der eigenen Stärke aufgrund ihrer Grenzerfahrung (auch
bei schwierigen Geburtsverläufen) steht für die Reife,
die nötig ist, um die Elternrolle einnehmen zu
können.
Die energetische Funktion des Geburtsschmerzes
Der Schmerz als Stimulator der sexuellen Energie
Nach Wilhelm Reich (Psychoanalytiker, Sexualtherapeut und
Sozialpsychologe) ist die Fähigkeit des Orgasmus die
Fähigkeit, sich ohne Hemmungen dem Fluss der biologischen
Energie hinzugeben und die angestaute sexuelle Spannung durch
unwillkürliche rhythmische Kontraktionen zu entladen. Die
große Kraft der Geburt besteht genau in der Tatsache, dass das
Gebären für die Frau ein starker Ausdruck ihrer
spezifisch weiblichen und vom Mann unabhängigen
Sexualität ist. Eine Frau, die mit ihrer sexuellen Kraft
gebärt, wird nach der Geburt eine stärkere Frau sein.
Stärker in jeder Hinsicht, aber insbesondere wird ihre
Orgasmusfähigkeit im Sinne von Reich gesteigert sein. Der
Vermittler dieser orgastischen Erfahrung während der Geburt
ist wiederum der Schmerz. Durch seine ständig wachsenden Reize
erhöht sich die Spannung im Körper der Frau, besonders im
Genitalbereich. Das Gefühl des Orgasmus ist vom
Zurückfließen der ganzen, in den Geschlechtsorganen
konzentrierten Energie in den Körper gegeben und wird als
Genugtuung und Wohlbefinden empfunden, das übergeht in
Gefühle von Zärtlichkeit und Dankbarkeit dem Kind
gegenüber, die sich in den unmittelbaren Stunden nach der
Geburt ausdrücken. Eine Frau, die mit ihrer sexuellen Energie
ihr Kind bekommt, entlädt sich bei der Geburt des Kindes und
gewinnt ihre gesamte Energie danach wieder zurück.
In dem Moment, in dem das Kind geboren und der Schmerzreiz zu Ende
ist, finden sich sehr große Mengen von Endorphinen und
Oxytocin im mütterlichen Organismus — höhere Mengen
denn je im ganzen Leben. Die Frau, wenn sie nicht gestört
wird, und ihr Kind im Arm hält, erlebt ein einmaliges
Gefühl von Ekstase und Euphorie, mit welchem sie ihrem Kind
entgegentritt und ihre Erfahrung als Mutter und die Beziehung mit
ihrem Kind beginnt. Den Endorphinen wird auch die Eigenschaft der
Abhängigkeit und Bindung zugeschrieben, dem Oxytocin, die der
Liebe.
Eine natürliche Geburt sorgt für die Lust auf
Wiederholung. Bindung ist die elementare Erfahrung, mit der ein
Baby wächst und gedeiht, Liebe seine wichtigste
Nahrung.
Auch der Partner, der bei der Geburt dabei ist, wird hormonell
angeregt. In der sensitiven Phase gleich nach der Geburt, wenn er
im Augenkontakt mit seiner Frau ist, kann sich das Paar wieder
verlieben und die Bindung zwischen sich und dem Kind stärken.
All das ist jedoch nur möglich, wenn die Gebärende nicht
gestört wird, wenn die Umgebung intim und beschützt ist,
wenn die Hebamme eine gute Unterstützung anbietet für die
ganze Geburt, die zwei Stunden nach der Austreibung des Kindes
endet. Dann wird der Schmerz von einem unerwünschten zu einem
fundamentalen Bestandteil einer natürlichen Geburt, ein
Element, das die Frau aktiv und stärker macht, den Grundstein
legt für die Mutter- Kind-Beziehung und
gesundheitsfördernd ist.
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